Als Nächstes kam Silvia Tarozzi auf mich zu, dann Carol Robinson, dann du und nach und nach noch mehr Musiker*innen, mit denen ich zunächst an Solostücken arbeitete. Der Kontakt kam in der Regel über gemeinsame Freund*innen zustande. Anschließend kamen Duos, Trios und noch mehr hinzu, was wir dann jeweils Occam River, Occam Delta, Occam Hexa und Occam Hepta nannten. Ursprünglich bestand Occam Ocean aus Solo- stücken, die dann zu Kombinationen von Ensemble- stücken erweitert wurden. Ich überlasse es den Mathematiker*innen, die Anzahl der einzel- nen Werke zu berechnen, die sich aus den bisher 27 Solostücken ergeben würden, wenn alle möglichen Kombinationen davon realisiert würden. Deswegen impliziert das allgemeine Kon- zept hinter den Occams, aus denen sich wiede- rum Occam Ocean zusammenstellt, zwingend die Unmöglichkeit, dieses Werk zu vollenden. JE: War deine Vorgehensweise dieselbe wie zuvor bei Naldjorlak? ÉR: Alle meine Stücke begannen in Form eines Gedanken. Die erste Inspirationsquelle für Occam Ocean war meine Entdeckung eines langen Wandbanners im Naturkundemuseum von Los Angeles während der 1970er-Jahre. Er ähnelte einem Emakimono – einer narrativen Bildrolle aus der japanischen Kultur – und stellte bekannte elektromagnetische Wellenlängen dar, ange- fangen von den Wellenlängen zwischen Erde und Sonne bis hin zu Mikro-, Mini-, Nanostrahlen und so weiter. Fest steht, dass sich jenseits dieser beiden Extreme, der Wellenlängen von der Sonne bis zu den entferntesten Planeten und denjenigen, die unser ehrwürdiger Stern mit seinesgleichen teilt, eine Unendlichkeit auftut. In dieser erscheinen alle uns bekannten und genutzten Wellenlängen bescheiden – eingeschlossen der winzige Bereich von 30 bis 40 Hertz bis etwa 16.000 Hertz, den unser Ohr in Klang umwandelt, und sogar das Spektrum des 300.000-Hertz-Bereichs, das als Licht oder Farbe wahrgenommen oder interpretiert wird. Wir leben in einer Art schwingendem Universum, doch verfügen wir mit unseren Ohren nur über eine sehr geringe auditive Wahrneh- mungsbandbreite. Im Vergleich zur Unendlichkeit des Universums sind wir Menschen auf einen extrem begrenz- ten Bereich festgelegt. Das ist es, was die Grundlage, den Geist meines Schaffens bildet: die schwindelerregende Natur des Unvorstell- baren. Ich habe das Bild des Ozeans gewählt, um all dies auf eine menschlichere Weise darstellen zu können. Das ist ein großer Sprung, umfasst es doch sowohl die Gezeiten, die sich über die 72 gesamte Weite des Ozeans bewegen, als auch die winzigen am Strand anlaufenden Wel- len. Obwohl sie nicht den Hertz’schen Gesetzen folgen, entwickeln sie eine Vielzahl von Wellen- längen. Alle Occams sind mit dem Wasser verbunden, das ebenfalls mehrere Wellenlängen besitzt. Mich interessiert, dass sich mit der Musik das Leben gerade nicht erklären lässt. Dieser gedankliche Grundsatz wird durch Bilder veranschaulicht, die mit Wasser in Verbindung stehen und von den jeweiligen Instrumenta- list*innen, die das Stück aufführen, ausgewählt werden. Die ihnen individuell zugeordneten Bilder dienen als mentale Partitur. Sie bedin- gen eine Hervorbringung der Themen, die die Struktur des Werks prägen, vergleichbar mit einem Gerüst für den Bau eines Hauses. Danach vergisst man es wieder. Um dem Publikum die Freiheit zu geben, seine eigene innere Musik zu hören oder überhaupt erst zu erwecken, werden diese Bilder nicht explizit gezeigt. Genauso wie es nicht notwendig ist, einer Partitur zu folgen, um Musik zu „verstehen“. Es ist zugleich schwindelerregend und sehr abstrakt. Der Bereich dessen, was wir hören können, ist wirklich extrem begrenzt. Zwischen den großen Gezeiten, die vom Mond erzeugt werden, und den kleinen Wellen, die an die Küste schlagen, umfasst auch der Ozean – der uns etwas näher ist – ein beträchtliches Schwingungsfeld. Es ist ein wirklich immenser Schwingungsraum, der jedoch leichter zugäng- lich ist. Überhaupt können wir es so nochmal anders angehen: über die Freude am Tauchen und Schwimmen und darüber, dem Wasser nahe zu sein oder dem Plätschern eines Wasserhahns zu lauschen – das schafft eine körperliche Ver- bindung. Das Ganze ist nicht mehr nur ein Schwindel des Geistes, sondern es wird greif- bar. Später erfolgt eine Personalisierung durch die Bilder, immer unter Berücksichtigung der Einheit von Interpret*in und Instrument. Ich kann bestätigen, dass unabhängig vom Instru- ment und der Persönlichkeit der jeweiligen Musiker*innen die Beziehung zwischen den beiden sehr persönlich ist. Diese im Gefühl verankerte Einheit haucht der Musik ihr Leben ein. Das liegt nicht einfach daran, dass sie komponiert oder improvisiert worden ist. Was der Musik Leben einhaucht und den Klang belebt, ist der innere Geist dieser sehr engen Beziehung. JE: Occam Ocean folgt zwei weiteren Leitge- danken, die zwar etwas im Hintergrund stehen, aber dennoch wichtig sind: die Philosophie